Akkorde unter einer Melodie wählen

· Harmonielehre für Komponisten · Stufe 3 · 15 Min.

Du hast eine Melodie geschrieben, sie singt schon für sich allein … und jetzt möchtest du sie gern eingekleidet hören. Harmonisieren heißt, für jeden Moment der Melodie den Akkord zu wählen, der sie trägt. Die gute Nachricht: Mit nur drei Akkorden – den Stufen I, IV und V – kannst du die allermeisten einfachen Dur-Melodien harmonisieren. Diese Lektion gibt dir eine Schritt-für-Schritt-Methode, dieselbe, die Komponisten von Bach bis zu modernen Songwritern verwenden.

1. Die drei Säulen: I, IV und V

In C-Dur sind die drei Hauptakkorde C (C–E–G, Stufe I), F (F–A–C, Stufe IV) und G (G–H–D, Stufe V, oft als G7 mit einem F erweitert). Zusammen enthalten sie jeden Ton der Tonleiter. Schau dir diese Tabelle an: Sie zeigt dir für jeden Melodieton, welche Akkorde ihn enthalten.

MelodietonAkkorde, die ihn enthalten
CI (C), IV (F)
DV (G)
EI (C)
FIV (F), V7 (G7)
GI (C), V (G)
AIV (F)
HV (G)

Diese Tabelle ist dein Kompass. Wenn ein Ton zu zwei Akkorden gehört (C, G, F), hast du dort eine echte Wahl als Komponist – und genau dort entsteht Farbe.

2. Die goldene Regel: Akkordtöne auf betonten Zählzeiten

Du harmonisierst nicht jeden Ton. Schau zuerst auf die betonten Zählzeiten (Schlag 1 und 3 im 4/4-Takt): Sie „tragen“ die Harmonie. Töne auf unbetonten Zählzeiten dürfen außerhalb des Akkords liegen, solange sie sich schrittweise bewegen: Das sind Durchgangstöne oder Wechselnoten. Hier eine viertaktige Melodie, harmonisiert mit einem Akkord pro Takt.

M:4/4
L:1/4
Q:1/4=88
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "C"E2 D C | "F"A2 c A | "G"d2 B G | "C"c4 |]
[V:LH] [C,E,G,]4 | [F,A,C]4 | [G,B,D]4 | [C,E,G,]4 |]

Takt 1: E (Schlag 1) und C (Schlag 3) gehören zu C-Dur; das D auf Schlag 2 ist ein Durchgangston. Takt 2: A und C gehören zu F. Takt 3: D und G sind in G. Takt 4: zurück zu C, die Phrase ist geschlossen.

3. Akkordfremde Töne: keine Panik

Eine fließende Melodie enthält zwangsläufig Töne, die nicht im Akkord sind. Solange sie auf einer unbetonten Zählzeit stehen und zwei Akkordtöne schrittweise verbinden, akzeptiert das Ohr sie und genießt sie sogar: Sie erzeugen die Bewegung.

M:4/4
L:1/8
Q:1/4=80
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "C"c2 BA G2 E2 | "F"F2 GA c2 A2 | "G"B2 cd B2 G2 | "C"c6 z2 |]
[V:LH] [C,E,G,]8 | [F,A,C]8 | [G,B,D]8 | [C,E,G,]8 |]

Takt 1: H und A verbinden C mit G – Durchgangstöne. Takt 2: G verbindet F mit A. Takt 3: C verbindet H mit D. Du siehst das Prinzip: Ein akkordfremder Ton ist „auf der Durchreise“, er „setzt sich“ nie.

4. Ein Ton, mehrere Farben

Der Ton E gehört zu C-Dur (als Terz), zu a-Moll (als Quinte) und zu e-Moll (als Grundton). Hör, wie dieselbe Melodie je nach Akkord ihre Emotion ändert: hell über C, wehmütig über a-Moll, schwebend über e-Moll.

M:4/4
L:1/4
Q:1/4=72
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "C"E4 | "Am"E4 | "Em"E4 | "C"E4 |]
[V:LH] [C,E,G,]4 | [A,,C,E,]4 | [E,G,B,]4 | [C,E,G,]4 |]

Merk dir: Harmonisieren heißt nicht, die richtige Antwort zu finden, sondern ein Licht zu wählen. Die Nebenakkorde (ii = d-Moll, iii = e-Moll, vi = a-Moll) vertreten oft I, IV oder V und bringen zusätzliche Nuancen: vi ersetzt I, ii ersetzt IV.

5. Die Methode in fünf Schritten

  1. Bestimme die Tonart und den Schlusston (meist die Tonika).
  2. Kreise die Töne auf den betonten Zählzeiten in jedem Takt ein.
  3. Liste mithilfe der Tabelle die möglichen Akkorde für jeden dieser Töne auf.
  4. Fang am Ende an: Der letzte Takt ist fast immer I, der vorletzte fast immer V. Leg diese beiden Akkorde zuerst fest.
  5. Füll den Rest aus und achte dabei auf Abwechslung und natürliche Bewegung (I → IV → V → I ist das Rückgrat).
Kniff für Komponisten: Sing die Melodie und spiel dabei mit der linken Hand nur den Basston jedes Akkords (C, F oder G). Wenn der Bass zur Melodie „richtig klingt“, tut es der volle Akkord auch. So testest du eine Harmonisierung am schnellsten.
Typische Fehler: bei jedem Ton den Akkord wechseln (das wird abgehackt und verwirrend); auf einer betonten Zählzeit einen Akkord wählen, der einen Ton einen Halbton neben der Melodie enthält (zum Beispiel ein F in der Melodie gegen einen C-Dur-Akkord); vergessen, mit V → I zu enden – dann bleibt die Phrase in der Luft hängen, ohne dass du es wolltest.

Deine Werkstatt

  1. Öffne die Piano-Roll und schreib eine achttaktige Melodie in C-Dur in halben Noten und Viertelnoten (oder nimm eine vorhandene).
  2. Notiere auf Papier die Töne auf Schlag 1 und 3 jedes Takts und dann die möglichen Akkorde (I, IV oder V) laut Tabelle.
  3. Leg zuerst den Schluss fest: Takt 7 = G (V), Takt 8 = C (I). Vervollständige dann die Takte 1 bis 6.
  4. Schreib die Begleitung als Blockakkorde (ganze Noten) in der linken Hand, zwischen C2 und C4. Hör zu.
  5. Ersetze einen C-Akkord durch a-Moll (vi) und einen F-Akkord durch d-Moll (ii): Vergleiche beide Fassungen und behalte die, die dir besser gefällt.
  6. Selbstkontrolle: Gehört der Melodieton auf jeder betonten Zählzeit zum Akkord? Endet deine Phrase mit V → I?

✓ Zum Quiz der Lektion

← Komponieren in Moll und mit der pentatonischen Tonleiter · Kadenzen und harmonischer Rhythmus →