Die andalusische Kadenz und Phrygisch

· Modale und impressionistische Farben · Stufe 4 · 17 Min.

Vier Akkorde, die wie eine Steintreppe hinabsteigen: Am – G – F – E. Das ist die andalusische Kadenz, das Herz des Flamenco – aber auch von Popsongs, Barockmusik (der absteigende Chaconne-Bass) und Filmmusik. Sie endet auf einem E-Dur-Akkord, der zugleich wie ein Schluss und wie eine offene Tür klingt.

Zwei Arten, dieselbe Kadenz zu hören

  • In a-Moll: i – VII – VI – V. Das abschließende E-Dur ist die Dominante (mit Gis, dem Leitton von harmonisch Moll), die zurück nach Am drängt.
  • In E-Phrygisch: iv – III – II – I. E wird als Tonika gehört, und das F darüber (eine kleine Sekunde) sorgt für die typisch spanische Farbe.

Der Flamenco spielt mit dieser Mehrdeutigkeit. Über dem E-Akkord verwendet man Phrygisch-Dominant (oder „Spanisch-Phrygisch“): E F Gis A H C D. Das ist der 5. Modus von a-Moll harmonisch. Die übermäßige Sekunde F–Gis ist der orientalisch klingende Beigeschmack, den jeder sofort erkennt.

Eine Melodie über der Kadenz

M:4/4
L:1/8
Q:1/4=88
K:Am
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "Am" c2 B A e4 | "G" d2 c B d4 | "F" c2 B A c2 B A | "E" ^G2 F E E4 |]
[V:LH] [A,,E,]8 | [G,,D,]8 | [F,,C,]8 | [E,,B,,^G,]8 |]

Jeder Takt beginnt mit einem Akkordton (C über Am, D über G, C über F, Gis über E). Im letzten Takt machen Gis und F direkt nebeneinander die übermäßige Sekunde hörbar.

„Flamenco“-Gesten

  • Die verzierende Triole um einen Ton herum: F-E-D-E, schnelle Doppelschläge, die die Stimme des Cantaor (Sängers) nachahmen.
  • Die Reibung F/E: Lass F über dem E-Akkord erklingen und löse dann nach E auf. Das ist der „phrygische Halbschluss“.
  • Wiederholte Akkorde in der linken Hand, rhythmisch und akzentuiert, wie ein Rasgueado auf der Gitarre.
  • Dramatische Pausen: eine leidenschaftliche Phrase, dann ein plötzlicher Stopp.
M:4/4
L:1/8
Q:1/4=80
K:Am
"E" (3FED E2 (3^GFE F2 | "E" E8 |]

Übung: die Treppe hinabsingen

Starte den andalusischen Track in a-Moll.

  1. Nur der Bass (1 Durchgang). Linke Hand: A, G, F, E in der tiefen Oktave, ein Ton pro Takt. Spür den Abstieg.
  2. Zieltöne (2 Durchgänge). Rechte Hand: ein langer Ton pro Akkord, jedes Mal ein Akkordton. Probier die Linie C – H – A – Gis (sie steigt mit dem Bass ab), dann E – D – C – H.
  3. Verzieren (3 Durchgänge). Behalte diese Zieltöne, aber steuere sie mit einer Triole oder einem Doppelschlag an.
  4. Loslassen (4 Durchgänge). a-Moll natürlich über den ersten drei Akkorden, dann E-Phrygisch-Dominant über E. Lass das F gegen das E nachklingen, bevor du auflöst.
  5. Kontrast. Wechsle einen sehr leisen, kargen Durchgang mit einem intensiven ab, höher und rhythmischer.
Häufiger Fehler: das Gis auf dem E-Akkord vergessen. Ohne es wird der Akkord zu e-Moll und die spanische Spannung verfliegt. Umgekehrt: Spiel kein Gis über dem G-Dur-Akkord – es würde sich mit dem Grundton reiben.
Weiterführend: Dieselbe Kadenz gibt es in jeder Molltonart. In d-Moll: Dm – C – B♭ – A. Probier den andalusischen Track in d-Moll.

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