Der gregorianische Choral und die Geburt der Notenschrift
Musikgeschichte · Die Anfänge: das Mittelalter · Stufe 1 · 12 Min.
Stell dir eine Abtei im 9. Jahrhundert vor. Mehrmals am Tag und einen Teil der Nacht versammeln sich die Mönche, um singend zu beten. Sie singen auf Latein, alle zusammen, dieselbe Melodie, ganz ohne Instrumente. Dieses riesige Repertoire – mehrere tausend Gesänge – nennt man gregorianischen Choral.
Ein irreführender Name
Der Name bezieht sich auf Papst Gregor I. (um 540–604). Eine Legende zeigt ihn, wie er die Gesänge von einer Taube, dem Symbol des Heiligen Geistes, ins Ohr geflüstert bekommt. In Wirklichkeit nahm das Repertoire viel später Gestalt an, zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger (8.–9. Jahrhundert), als die fränkischen Herrscher in ihrem ganzen Reich eine einheitliche Liturgie wollten und den römischen Gesang mit örtlichen Traditionen verschmolzen. Die Gesänge einem berühmten Papst zuzuschreiben, verlieh ihnen eine unanfechtbare Autorität.
Worauf du hören solltest
- Eine einzige Melodielinie (Monophonie), einstimmig oder in Oktaven gesungen, ohne Begleitung.
- Freier Rhythmus, der der Aussprache und dem Sinn des lateinischen Textes folgt: keine Takte, kein regelmäßiger Puls, zu dem man mit dem Fuß klopfen könnte.
- Geschmeidige Melodien, meist schrittweise (zu benachbarten Tönen) fortschreitend, in einem bescheidenen Tonumfang, leicht von einer Gruppe zu singen.
- Modi (Kirchentonarten) statt unserer Dur- und Molltonleitern. Der Choral ordnet seine Melodien nach Schlusston und Tonumfang in acht Modi ein. Am leichtesten zu erkennen ist der Modus auf D, den du auf den weißen Tasten von D bis D spielen kannst:
M:none L:1/4 Q:1/4=80 K:C D E F G A B c d |]
Manche Gesänge setzen eine Note pro Silbe (syllabischer Stil); andere entfalten lange Girlanden von Noten auf einem einzigen Vokal (ein Melisma), wie die großen Alleluias.
Vom Gedächtnis zur Notenschrift
Jahrhundertelang lernten die Sänger alles auswendig; das Repertoire zu beherrschen dauerte rund zehn Jahre. Um das 9. Jahrhundert begannen Schreiber, kleine Zeichen über die Worte zu setzen: die Neumen (vom griechischen pneuma, Atem). Sie zeigen, ob die Stimme steigt oder fällt und wie die Töne gruppiert sind, aber nicht die genaue Tonhöhe: Sie sind Gedächtnisstützen für jemanden, der die Melodie schon kennt.
Dann kam die entscheidende Idee: eine waagerechte Linie zu ziehen, die für einen festen Ton steht, dann zwei Linien, dann mehr. Zu Beginn des 11. Jahrhunderts machte der italienische Mönch Guido von Arezzo daraus ein System: Linien im Terzabstand, Noten auf den Linien und in den Zwischenräumen und ein Buchstabe am Anfang, der die Tonhöhe festlegt (der Vorfahre unserer Schlüssel). Das ist unser Notensystem. Der gregorianische Choral wird bis heute auf vier Linien notiert, mit quadratischen Noten, die vom Schreiben mit der Rohrfeder herrühren.
Ut, re, mi: ein Hymnus als Methode
Guido erfand für seine Schüler auch eine Gedächtnisstütze: einen Hymnus an Johannes den Täufer, Ut queant laxis, in dem jeder Halbvers einen Ton höher beginnt als der vorige. Die ersten Silben ergeben die Namen ut, re, mi, fa, sol, la. Si kam später hinzu (aus den Anfangsbuchstaben von Sancte Iohannes), und ut wurde im 17. Jahrhundert zu do. Hör dir die Melodie des Hymnus an, wie sie heute in modernen Noten übertragen wird (freier Rhythmus): Jede Schlüsselsilbe fällt auf den nächsten Ton der Tonleiter.
M:none L:1/8 Q:1/8=120 K:C "^ut"C D F D E D | "^re"D D C D E E | "^mi"E F G E D E C D | "^fa"F G A G F E D D | "^sol"G A G F E F G D | "^la"A G A F G A A | G F D C E D |]
Das Ergebnis: Zum ersten Mal konnte ein Sänger eine Melodie lesen, die er nie gehört hatte. Guido behauptete, dass seine Schüler mit seiner Methode in wenigen Monaten lernten, wofür man früher Jahre brauchte. Alle aufgeschriebene westliche Musik, bis hin zu den Noten auf deinem Notenpult, stammt von dieser Erfindung ab.
Eine Komponistin im 12. Jahrhundert
Der liturgische Gesang ist nicht nur anonym. Die deutsche Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) – Gelehrte, Dichterin und Visionärin – komponierte eigene Gesänge mit weit ausholenden Melodiebögen, die oft sehr hoch steigen, und ein gesungenes Spiel, den Ordo Virtutum. Sie ist eine der ersten Komponistinnen, deren Namen und Werke wir kennen.
Eine lebendige Tradition
Im 19. Jahrhundert studierten die Mönche der Abtei Solesmes in Frankreich die alten Handschriften, um den Choral so wiederherzustellen, wie er im Mittelalter gesungen wurde; ihre Ausgaben werden noch heute benutzt. Und 1994 wurde ein Album mit gregorianischem Choral, aufgenommen von den spanischen Mönchen von Santo Domingo de Silos, zu einem weltweiten Bestseller: der Beweis, dass diese sehr alte Musik die Hörer noch heute anspricht.
Hören
- Das Dies irae und das Victimae paschali laudes (zwei berühmte Sequenzen).
- Ein Alleluia aus der Messe, um lange Melismen zu hören.
- Die Hymnen Ut queant laxis und Veni Creator Spiritus.
- Hildegard von Bingen: Ausschnitte aus dem Ordo Virtutum.
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