Warum eine Musikgeschichte?

Musikgeschichte · Die Anfänge: das Mittelalter · Stufe 1 · 10 Min.

Wenn du ein Menuett von Bach, einen Walzer von Chopin oder einen Rag von Scott Joplin spielst, öffnest du ein Fenster in eine andere Zeit. Jedes Stück trägt die Spuren der Epoche, die es hervorgebracht hat: die verfügbaren Instrumente, die Orte, an denen musiziert wurde, das Publikum, für das es gedacht war, die Ideen, die in der Luft lagen. Diese Geschichte zu kennen heißt nicht, Jahreszahlen aufzusagen: Sie hilft dir, besser zu verstehen, was du hörst, und besser zu spielen, was du übst.

Zwei Familien im Gespräch

Man unterscheidet oft zwei Familien, und die Zeitleiste der Website zeigt sie nebeneinander:

  • Kunstmusik (im weiteren Sinn auch „klassische Musik“ genannt): in Partituren aufgeschrieben, von ausgebildeten Musikern komponiert, aufgeführt in der Kirche, am Hof, in der Oper und später im Konzertsaal. Sie hat einen Autor und eine feste Fassung und kann Jahrhunderte später genau so gespielt werden, wie sie geschrieben wurde.
  • Populäre Musik: Lieder, Tänze, Melodien für Feste und für die Arbeit, später Ragtime, Blues, Jazz, Tango, Rock … Lange wurde sie mündlich weitergegeben, von Mensch zu Mensch, ohne Noten. Sie verändert sich mit jeder Generation, und oft weiß niemand, wer sie geschrieben hat.

Keine Mauer hat diese beiden Familien je getrennt. Die Komponisten der Kunstmusik haben ständig aus den Tänzen und Liedern ihrer Zeit geschöpft: Die barocke Suite besteht aus Tänzen, Haydn lässt Bauernmelodien in seine Sinfonien einfließen, Chopin schreibt Mazurken, Bartók zieht durch die Dörfer und nimmt Lieder auf. Umgekehrt haben Jazz und populäres Lied die Harmonik und die Instrumente der Kunstmusik übernommen.

Schriftlich und mündlich

Was wir über frühe Musik wissen, hängt fast vollständig davon ab, was aufgeschrieben wurde. Die frühesten in größerer Zahl erhaltenen Notenschriften Europas stammen aus dem 9. Jahrhundert; davor hat die europäische Musik nur Beschreibungen, Bilder und einige seltene Fragmente hinterlassen. Musik, die nicht aufgeschrieben wurde – die der Bauern, der Straßenmusikanten, der Dorftänze –, ist für die frühen Jahrhunderte fast verloren. Erst mit Edisons Phonograph (1877) ließ sich der Klang selbst aufzeichnen.

Hier ist eine Melodie, die jedes Kind in Frankreich kennt und die niemand aus Noten gelernt hat: Sie wurde mündlich weitergegeben, von einer Generation zur nächsten.

M:4/4
L:1/4
Q:1/4=100
K:C
C C C D | E2 D2 | C E D D | C4 |]
w: Au clair de la lu-ne, mon a-mi Pier-rot

Epochen, keine Schubladen

Historiker teilen die europäische Kunstmusik in große Epochen ein: das Mittelalter, die Renaissance, den Barock, die Klassik, die Romantik und dann die Strömungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Diese Etiketten sind praktisch, wurden aber erst im Nachhinein vergeben: Bach wusste nicht, dass er „barock“ war. Die Daten sind grobe Orientierungspunkte, und die Epochen überschneiden sich: Um 1820 teilen sich der alte klassische Stil und die junge Romantik dieselben Konzertsäle.

Die Zeitleiste und die Stilseiten. Die Zeitleiste ordnet jeden Stil auf einer Zeitachse ein. Klick auf einen Stil, um seine Seite zu öffnen: eine Zusammenfassung, seine wichtigsten Merkmale, Formen, Instrumente, Komponisten und Stücke auf der Website zum Spielen. Dieser Kurs erzählt die Geschichte; die Stilseiten sind dein Spickzettel. Fachbegriffe werden im Glossar erklärt.

Hören „wie ein Historiker“

Stell dir vor einem unbekannten Stück fünf einfache Fragen. Oft kannst du damit die Epoche auf wenige Jahrzehnte genau erraten.

  1. Welche Instrumente? Nur Stimmen, eine Laute, ein Cembalo, ein Klavier, ein Orchester, eine E-Gitarre?
  2. Welche Satzweise? Eine einzige Melodie (Monophonie), mehrere gleichberechtigte, ineinander verwobene Stimmen (Polyphonie) oder eine von Akkorden begleitete Melodie?
  3. Welche Harmonik? Einfache, erwartbare Akkorde oder reiche, gleitende, manchmal dissonante Farben?
  4. Welcher Rhythmus? Ein freier Puls, der den Worten folgt, ein gleichmäßiger Tanz, ein synkopierter (gegen den Schlag gesetzter) Rhythmus?
  5. Welche Form? Strophen und ein Refrain, ein Thema, das immer wiederkehrt, große kontrastierende Abschnitte?

Am Ende des Kurses greift eine Zusammenfassungslektion diese Fragen wieder auf, mit einer Tabelle über alle Epochen.

Hören

  • Ein gregorianischer Choral, dann ein Cembalostück von Couperin, dann eine Sonate von Mozart, dann ein Nocturne von Chopin: Hör jeweils eine Minute und notiere, was sich verändert.
  • Ein traditionelles Lied aus deiner Region, gesungen von zwei verschiedenen Interpreten: Achte auf die kleinen Unterschiede in Melodie und Text, ein Zeichen mündlicher Überlieferung.

✓ Zum Quiz der Lektion

Der gregorianische Choral und die Geburt der Notenschrift →