Grundlagen der Reharmonisation

Musiktheorie · Jazzharmonik · Stufe 6 · 16 Min.

Reharmonisieren heißt, die ursprünglichen Akkorde einer Melodie durch andere, reichere oder überraschendere zu ersetzen und die Melodie dabei unverändert zu lassen. Das ist eine der großen Künste des Jazzpianisten: Art Tatum, Bill Evans oder Herbie Hancock verwandeln ein einfaches Lied in eine harmonische Landschaft.

Die goldene Regel

Der Melodieton muss ein Akkordton oder eine verfügbare Spannung (9, 11, 13, je nach Akkordtyp) des neuen Akkords sein, zumindest auf den betonten Zählzeiten. Danach ist alles erlaubt.

Sechs Techniken, von einfach bis kühn

  1. Anreichern: Dreiklänge durch Septakkorde und Optionstöne ersetzen (C → Cmaj7 oder C6/9).
  2. Diatonische Substitution: einen Akkord durch einen mit derselben Funktion ersetzen (C → Am7 oder Em7; F → Dm7).
  3. II–Vs einfügen: jedem Zielakkord sein eigenes II–V voranstellen (Dm7 – G7 vor C; Em7 – A7 vor Dm).
  4. Zwischendominanten und Tritonussubstitutionen, wie schon gesehen.
  5. Verminderte Durchgangsakkorde: C – C♯°7 – Dm7 verbindet zwei Akkorde mit einem chromatischen Bass.
  6. Das „Backdoor“-II–V: Fm7 – B♭7 – C (iv7 – ♭VII7 – I), eine Auflösung von der Seite, weich und nostalgisch.

Ein Beispiel

Zurück zu „Au clair de la lune“. Die Originalfassung:

M:4/4
L:1/4
K:C
"C"c c c d | "C"e2 "G"d2 | "C"c e "G7"d d | "C"c4 |]

Und eine Reharmonisation, mit Shells in der linken Hand:

M:4/4
L:1/4
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
K:C
[V:RH] "Cmaj7"c c "Am7"c d | "Dm7"e2 "G7"d2 | "Fmaj7"c e "Bb7"d d | "Cmaj7"c4 |]
[V:LH] [C,B,]2 [A,,G,]2 | [D,C]2 [G,,F,]2 | [F,,E,]2 [_B,,_A,]2 | [C,B,]4 |]

Prüfen wir die goldene Regel: C ist die Terz von Am7 und D seine Undezime; E ist die None von Dm7; C und E sind Quinte und Septime von Fmaj7; D ist die Terz von B♭7 (dem „Backdoor“-Akkord, der nach C führt). Alles passt zusammen, und das Kinderlied bekommt die Farbe einer Ballade.

Methode: Reharmonisiere zuerst die Kadenzen (dort ist die Wirkung am größten), dann die langen Akkorde und erst danach den Rest. Eine gute Reharmonisation behält eine starke Basslinie.
Zu viel ist zu viel: Ein neuer Akkord auf jedem Ton ertränkt die Melodie. Die besten Arrangeure wissen auch, wann man einen einfachen Akkord stehen lässt, damit die nächste Überraschung umso mehr wirkt.

✓ Zum Quiz der Lektion

← Die Modi von melodisch Moll · Ein Jazz-Leadsheet lesen und spielen →