Partimento: über einem gegebenen Bass improvisieren
· Klassische und freie Improvisation · Stufe 5 · 25 Min.
Man vergisst es oft: Bach, Händel, Mozart und Beethoven waren zuerst als Improvisatoren berühmt. An den Konservatorien im Neapel des 18. Jahrhunderts lernten die Schüler das Improvisieren mit Partimenti: einfachen, manchmal bezifferten Basslinien, über denen sie Harmonien, dann Melodien und schließlich ganze Stücke ausführen mussten. Diese Methode erlebt heute ein starkes Comeback, weil sie Harmonielehre, Tastatur und Erfindung miteinander verbindet.
1. Die Oktavregel
Wie harmonisiert man einen Bass, der stufenweise auf- oder absteigt? Die neapolitanischen Meister legten für jede Stufe der Tonleiter einen Standardakkord fest: die Oktavregel (Regola dell'ottava). Aufwärts, in C-Dur:
| Bass | C | D | E | F | G | A | H | C |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Ziffern | 5/3 | 6/4/3 | 6/3 | 6/5/3 | 5/3 | 6/3 | 6/5/3 | 5/3 |
Die Ziffern geben die Intervalle über dem Bass an: 5/3 = Dreiklang in Grundstellung, 6/3 = erste Umkehrung (Sextakkord), 6/4/3 und 6/5/3 = Umkehrungen von Septakkorden. Die Stufen 1 und 5 tragen die stabilen Akkorde; die anderen sind „Durchgangsakkorde“.
M:4/4
L:1/4
Q:1/4=72
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] [EGc]2 [FGB]2 | [EGc]2 [Acd]2 | [GBd]2 [Acf]2 | [Gdf]2 [Gce]2 |]
[V:LH] C,2 D,2 | E,2 F,2 | G,2 A,2 | B,2 C2 |]
2. Vom Gerüst zur Melodie: die Diminution
Sobald die Harmonien stehen, verzierst du die Oberstimme: Das ist die Diminution. Du ersetzt einen langen Ton durch mehrere kürzere Töne, die um ihn kreisen: Arpeggien, Durchgangstöne, Wechselnoten. Hier ist ein achttaktiger Menuett-Bass, zunächst mit einer „Gerüst“-Oberstimme:
M:3/4
L:1/8
Q:1/4=108
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] e6 | f4 d2 | c4 A2 | B6 | G4 c2 | a2 f2 B2 | d6 | c6 |]
[V:LH] C,4 E,2 | F,4 G,2 | A,4 F,2 | G,6 | E,4 C,2 | F,2 D,2 G,2 | G,4 G,,2 | C,6 |]
Dann derselbe Bass mit einer diminuierten (verzierten) Oberstimme:
M:3/4
L:1/8
Q:1/4=108
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] e2 g e c2 | f2 a f d2 | c2 e c A2 | B2 d c B A | G2 c e g2 | a2 f2 B2 | e2 d2 B2 | c6 |]
[V:LH] C,4 E,2 | F,4 G,2 | A,4 F,2 | G,6 | E,4 C,2 | F,2 D,2 G,2 | G,4 G,,2 | C,6 |]
Jeder Gerüstton ist auf der schweren Zählzeit (oder fast) noch vorhanden; die übrigen Töne sind Akkord-Arpeggien (Takte 1–3) oder Durchgangstöne (Takt 4). In Takt 7 ruft das E über dem Bass-G den kadenzierenden Quartsextakkord hervor, der sich nach D und dann H auflöst.
3. Diminutionsformeln, die du kennen solltest
- Arpeggio: die Akkordtöne in beliebiger Reihenfolge.
- Durchgangston: verbindet zwei Akkordtöne stufenweise.
- Wechselnote: einen Schritt weg und zurück (E-F-E).
- Vorhalt: ein akkordfremder Ton auf dem Schlag, der sich dann auflöst (sehr ausdrucksstark, typisch für den galanten Stil).
- Sequenzen: dieselbe Formel, wiederholt auf jeder Stufe eines steigenden oder fallenden Basses.
Übung: dein erstes improvisiertes Menuett
Starte den Balladen-Track in C für Stimmung und Tempo, oder spiel allein mit dem Metronom auf 100 pro Viertel.
- Nur der Bass. Spiel den Menuett-Bass mehrmals und sing dabei die Gerüsttöne.
- Das Gerüst. Beide Hände zusammen, Gerüst-Version. Erfinde dann dein eigenes Gerüst: ein Akkordton pro Takt (oder zwei), möglichst stufenweise.
- Eine Formel. Verziere dein Gerüst 8 Takte lang mit einer einzigen Formel (zum Beispiel nur Arpeggien).
- Mischen. Arpeggien, Durchgangstöne, Wechselnoten. Behalte die Takte 7–8 als feste Kadenz.
- Form. Spiel die 8 Takte zweimal: zuerst eine einfache Diminution, dann eine reicher verzierte. Du hast eine Menuettform (mit variierter Wiederholung!).
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