Stimmführung

Musiktheorie · Tonale Harmonik · Stufe 4 · 16 Min.

Eine Akkordfolge ist keine Reihe von Blöcken: Sie besteht aus melodischen Linien („Stimmen“), die sich gemeinsam bewegen. Die klassische Harmonielehre denkt vierstimmig — Sopran, Alt, Tenor, Bass — wie ein Chor. Am Klavier teilt man sie oft so auf: Sopran und Alt in der rechten Hand, Tenor und Bass in der linken.

Stimmumfänge und Abstände

  • Sopran: mittleres C → hohes G; Alt: G unter dem mittleren C → D; Tenor: C eine Oktave unter dem mittleren C → G; Bass: tiefes E → mittleres C (ungefähr).
  • Nicht mehr als eine Oktave zwischen Sopran und Alt oder zwischen Alt und Tenor (der Bass darf weiter entfernt sein).
  • Die Stimmen kreuzen sich nicht.

Grundsätze der Bewegung

  1. Behalte gemeinsame Töne in derselben Stimme.
  2. Nimm den kürzesten Weg: Mittelstimmen bewegen sich schrittweise oder in kleinen Sprüngen.
  3. Der Leitton steigt zur Tonika (zumindest in der Oberstimme).
  4. Die Septime fällt schrittweise.
  5. Bevorzuge Gegenbewegung zwischen Bass und Sopran.
  6. Verdopple am besten den Grundton; verdopple nie den Leitton.

Das berühmteste Verbot: Quint- und Oktavparallelen

Zwei Stimmen, die eine reine Quinte (oder Oktave) bilden und sich in dieselbe Richtung zu einer weiteren Quinte (oder Oktave) bewegen, erzeugen Quint- oder Oktavparallelen. Die beiden Stimmen verschmelzen und verlieren ihre Selbstständigkeit: Der Satz wird dünn. Vergleiche:

M:4/4
L:1/4
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
K:C
[V:RH] "F"[FA]2 "G"[GB]2 | "F"[FA]2 "G"[DG]2 |]
[V:LH] "_wrong"[F,C]2 [G,D]2 | "_right"[F,C]2 [G,B,]2 |]

Takt 1: Alle Stimmen steigen um einen Ganzton. F–C wird zu G–D (Quintparallelen zwischen Bass und Tenor) und F–F wird zu G–G (Oktavparallelen). Takt 2: Die drei Oberstimmen gehen zu den nächstgelegenen Tönen des G-Akkords hinunter, in Gegenbewegung zum Bass. Das klingt besser und ist korrekt.

Die Auflösung der Dominante

Bei V7 → I steigt der Leitton, die Septime fällt, die Quinte fällt oft zur Tonika. Ist V7 vollständig, ist der folgende Tonikaakkord oft unvollständig (dreifacher Grundton, keine Quinte): Das ist völlig korrekt.

M:4/4
L:1/4
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
K:C
[V:RH] "C"[Ec]2 "F"[Fc]2 | "G7"[FB]2 "C"[Ec]2 |]
[V:LH] [C,G,]2 [F,A,]2 | [G,D]2 [C,C]2 |]
Wie prüfst du das? Notiere für jedes Stimmenpaar (6 Paare im vierstimmigen Satz) das Intervall bei jedem Akkord. Folgen zwei reine Quinten oder zwei Oktaven aufeinander und bewegen sich beide Stimmen in dieselbe Richtung: korrigieren.
Diese Regeln gelten nicht überall: Quintparallelen sind das Markenzeichen des Rock („Powerchords“), von Debussy und vieler Musikkulturen der Welt. Es sind Regeln eines Stils — der klassischen tonalen Musik —, aber sie lehren dich, selbstständige Linien zu schreiben, und das ist in jedem Stil nützlich.

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