Die Gattungen der Klaviermusik
Musiktheorie · Musikalische Form · Stufe 4 · 14 Min.
Im Lauf der Jahrhunderte hat sich das Klavierrepertoire in Gattungen geordnet: Arten von Stücken mit eigenen Konventionen für Form, Charakter und Satzbild. Wenn du die Gattung eines Stücks kennst, weißt du schon, was dich erwartet und wie du es angehen kannst.
| Gattung | Merkmale | Beispiele (gemeinfrei) |
|---|---|---|
| Präludium | Ursprünglich eine improvisierte Einleitung; bei Chopin und Debussy ein eigenständiges Stück, das sich auf eine Idee konzentriert | Bach, Das Wohltemperierte Klavier; Chopin, 24 Préludes op. 28; Debussy, Préludes |
| Invention, Fuge | Imitatorischer Satz (Kontrapunkt) | Bach, Zweistimmige Inventionen; Fugen aus dem Wohltemperierten Klavier |
| Suite | Eine Folge von Tänzen (Allemande, Courante, Sarabande, Gigue …) | Bach, Französische und Englische Suiten; Händel |
| Etüde | Ein Stück, das sich auf eine technische Schwierigkeit konzentriert – von Chopin und Liszt zu Konzertwerken erhoben | Czerny; Chopin, op. 10 und 25; Liszt; Debussy, 12 Études |
| Nocturne | Eine singende Melodie über weit ausgebreiteter, gebrochener Begleitung, nächtliche Stimmung; erfunden von John Field | Field; Chopin, 21 Nocturnes; Fauré |
| Ballade | Eine große instrumentale Erzählung, oft im 6/4- oder 6/8-Takt, erzählerisch und dramatisch | Chopin, 4 Balladen; Brahms, op. 10; Liszt |
| Impromptu | Ein Stück mit spontanem Charakter, oft dreiteilig | Schubert, D 899 und D 935; Chopin |
| Stilisierte Tänze | Walzer, Mazurka, Polonaise: Tänze, die zu Konzertstücken wurden | Chopin; Brahms, Walzer op. 39 |
| Scherzo | Wörtlich „Scherz“: schnell, oft dreiteilig; bei Chopin ein großes dramatisches Stück | Beethoven (in den Sonaten); Chopin, 4 Scherzi |
| Charakterstück | Ein kurzes Stück, das eine Stimmung, eine Szene, einen Titel heraufbeschwört | Schumann, Kinderszenen, Album für die Jugend; Mendelssohn, Lieder ohne Worte; Grieg, Lyrische Stücke |
| Fantasie, Rhapsodie | Freie Form, eine Kette kontrastierender Abschnitte | Mozart, Fantasie in d-Moll KV 397; Liszt, Ungarische Rhapsodien |
Das Satzbild eines Nocturnes
Hier, im Geist eines Nocturnes, eine singende Melodie über der typischen linken Hand dieser Gattung: ein tiefer Basston, dann Akkorde in der Mittellage, verbunden durch das Pedal.
M:12/8
L:1/8
Q:3/8=50
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
K:Eb
[V:RH] "Eb"g6- g3 f e d | "Ab"c6 "Bb7"d3 B3 | "Eb"e12 |]
[V:LH] E,,3 [G,B,E]3 B,,3 [G,B,E]3 | A,,3 [A,CE]3 B,,3 [A,DF]3 | E,,3 [G,B,E]3 E,,6 |]
Repertoire auswählen: Wechsle die Gattungen ab. Eine Invention schult die Unabhängigkeit der Hände, ein Nocturne den singenden Ton und das Pedalspiel, eine Etüde die Technik, ein Charakterstück die Fantasie. Zusammen machen sie dich zu einem vollständigen Pianisten.
Titel sind nicht immer verlässlich: Chopins „Ballade“ hat nichts mit einer Pop-„Ballade“ zu tun, und ein „Prélude“ von Debussy geht gar nichts voraus! Vertrau der Musik mehr als dem Etikett.