Ein Stück analysieren: Bachs Präludium in C-Dur
Musiktheorie · Musikalische Form · Stufe 5 · 20 Min.
Analyse heißt nicht, Etiketten aufzukleben: Es geht darum zu verstehen, wie ein Stück funktioniert, damit du es besser spielen und auswendig lernen kannst. Hier eine Methode in sieben Schritten, gefolgt von der vollständigen Analyse eines berühmten Stücks.
Die Methode
- Überblick: Tonart, Taktart, Tempo, Länge, Charakter, Gattung, Epoche.
- Form: Finde die Kadenzen, Wiederholungen, wiederkehrenden Themen. Teile in Abschnitte.
- Harmonie: Bezeichne die Akkorde (zumindest an den Kadenzen), finde Modulationen und Orgelpunkte.
- Melodie und Motive: Woher kommt das Material, wie wird es entwickelt?
- Satzbild und Rhythmus: begleitete Melodie, Kontrapunkt, Akkorde; wiederkehrende rhythmische Muster.
- Ausdruck: Dynamik, Artikulation, Höhepunkte.
- Folgen für den Vortrag: Wo atmen, wo den Höhepunkt setzen, was hervorheben?
Das Präludium in C-Dur BWV 846 (Bach, 1722)
Das erste Stück aus dem Wohltemperierten Klavier. Überblick: C-Dur, 4/4, 35 Takte, ein einziges Arpeggiomuster, das in jedem Takt wiederholt wird. Das ganze Stück ist also eine Akkordfolge: ein Akkord pro Takt, immer in derselben Form gebrochen. Hier der erste Takt, wie du ihn hörst:
M:4/4
L:1/16
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
K:C
[V:RH] z2 Gc eGce z2 Gc eGce |
[V:LH] C E7 C E7 |
Und die Akkordreduktion der ersten vier Takte:
M:4/4
L:1/4
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
K:C
[V:RH] "C"[EGce]4 | "Dm7/C"[DAdf]4 | "G7/B"[DGdf]4 | "C"[EGce]4 |]
[V:LH] "_I"C4 | "_ii4/2"C4 | "_V6/5"B,4 | "_I"C4 |]
Der Plan
| Takte | Was passiert |
|---|---|
| 1–4 | Festigung der Tonika: I – ii4/2 – V6/5 – I, über einem fast unbeweglichen Bass (C – C – H – C). |
| 5–11 | Modulation nach G-Dur (der Dominante): Am/C, D7/C (V7 von G), G/B, Cmaj7/B, Am7, D7/A und eine Kadenz in G-Dur in Takt 11. |
| 12–19 | Zurück nach C über einem absteigenden Bass und verminderten Septakkorden, bis zum C-Akkord (Takt 19). |
| 20–23 | Chromatische Akkorde (ein C7, das nach F zieht, dann verminderte Septakkorde) bereiten den großen Moment vor. |
| 24–31 | Orgelpunkt auf der Dominante: Das tiefe G wird acht Takte lang unter immer spannungsreicheren Akkorden gehalten. Der Höhepunkt der Spannung. |
| 32–35 | Orgelpunkt auf der Tonika: C im Bass, C7 → F/C → G7/C → C. Der ruhige Schluss, mit einem abschließenden Blockakkord. |
Folgen für das Spiel
- Spiel das Stück zuerst als Blockakkorde, Takt für Takt: So lernst du es über die Harmonie auswendig statt über die Finger.
- Finde die gemeinsamen Töne benachbarter Takte: Sie zeigen die Stimmführung, die makellos ist.
- Bau die Dynamik zum Orgelpunkt auf der Dominante hin auf (Takte 24–31) und lass dann los.
- Pedal: entweder gar keins (barocke Klarheit, Fingerlegato) oder ein genauer Wechsel bei jedem Takt, nie mitten im Takt.
Jetzt du: Mach dieselbe Analyse mit einem Stück aus Schumanns Album für die Jugend op. 68, zum Beispiel „Melodie“ (Nr. 1) oder „Fröhlicher Landmann“ (Nr. 10): Such Phrasen, Kadenzen und Form (oft ABA).
Analyse ist kein Selbstzweck: Wenn dir ein Etikett nicht hilft, besser zu hören oder zu spielen, geh weiter. Zwei Analytiker können denselben Akkord unterschiedlich bezeichnen; wichtig ist, die musikalische Bewegung zu verstehen.