Spätromantik: Brahms, Tschaikowsky, Mahler, Strauss
Musikgeschichte · Auf dem Weg in die moderne Welt (1880–1950) · Stufe 4 · 16 Min.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verblasste die Romantik nicht: Sie wuchs, verdichtete sich und verzweigte sich. Die Orchester wurden größer, die Sinfonien länger, die Harmonik sättigte sich mit Chromatik. Die Komponisten dieser Generation waren mit Beethoven, Schubert und Chopin aufgewachsen, und sie alle standen vor derselben Frage: Was bleibt nach ihnen noch zu sagen? Jeder antwortete auf seine Weise, und genau das macht diese Zeit, von etwa 1860 bis zum Ersten Weltkrieg, so reich.
Zwei streitende Lager
Um 1860 spaltete sich das deutsche Musikleben in zwei Lager. Auf der einen Seite stand die „Neudeutsche Schule“ um Liszt und Wagner: Musik solle eine Geschichte erzählen, einem Gedicht oder einem Drama folgen, und die Harmonik solle immer mehr wagen. Das Vorspiel zu Tristan und Isolde (uraufgeführt 1865) mit seinem berühmten Akkord, der sich nie wirklich auflöst, wurde zum Sinnbild dieses Wagemuts. Auf der anderen Seite standen jene, die meinten, Musik genüge sich selbst, ohne Programm: Johannes Brahms wurde diesem Lager zugeordnet, oft gegen seinen Willen. Der Streit beschäftigte Kritiker und Zeitungen; im Rückblick hören wir vor allem zwei einander ergänzende Arten, das romantische Erbe weiterzutragen.
Brahms, der Baumeister
1833 in Hamburg geboren und in Wien ansässig, wurde Brahms jung von Robert und Clara Schumann entdeckt; Robert stellte ihn 1853 in einem begeisterten Artikel vor. Brahms arbeitete langsam und vernichtete vieles: Seine Erste Sinfonie wurde erst 1876 uraufgeführt, nach Jahren des Zögerns, so schwer lastete Beethovens Schatten auf ihm. Er schrieb vier Sinfonien, dazu Ein deutsches Requiem, Konzerte, eine Fülle von Kammermusik und viele Lieder.
Seine Musik ist dicht und warm: viele Mittelstimmen, tiefe Bässe und eine Vorliebe für mehrdeutige Rhythmen. Sein Lieblingsmittel ist die Hemiole: Im Dreiertakt gruppiert er die Noten zu zweien, sodass zwei Dreiertakte kurz wie drei Zweiertakte klingen. Hör dir die Wirkung an: Der Schwung gerät ins Wanken und fängt sich dann wieder.
M:3/4 L:1/4 Q:1/4=100 K:C G, C E | G2 F- | F E2 | D3 | C3 |]
In den Takten 2 und 3 dauert jede Note zwei Schläge und überspannt den Taktstrich: drei „große Schläge“ verteilt auf zwei Takte (ein für diese Lektion geschriebenes Beispiel). Brahms verwendet sie ständig, von den Walzern op. 39 bis zu den Sinfonien. Im folgenden Jahrhundert bewunderte Arnold Schönberg, wie Brahms ein ganzes Stück aus einem kleinen, ständig variierten Motiv wachsen lassen konnte.
Tschaikowsky, der Melodiker
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893), ausgebildet am ganz neuen Sankt Petersburger Konservatorium, verband europäisches Handwerk mit russischer Lyrik. Er war einer der wenigen großen Sinfoniker, die auch für den Tanz schrieben: Schwanensee (uraufgeführt 1877), Dornröschen (1890) und Der Nussknacker (1892) machten das Ballett zu einer vollwertigen musikalischen Gattung. Seine letzte Sinfonie, die Pathétique, wurde 1893 uraufgeführt, wenige Tage vor seinem Tod. Hier ist das Schwanenthema, das die Oboe über flirrenden Streichern spielt:
M:4/4 L:1/8 Q:1/4=80 K:Bm f4 B c d e | f3 d f3 d | f3 B d B G d | B4- B e d c |]
Ein langer gehaltener Ton, eine aufsteigende Tonleiter, wiederholte Töne wie Schluchzer: Da ist der ganze Tschaikowsky, eine Melodie, die singt und leidet.
Mahler und Strauss: das Riesenorchester
Gustav Mahler (1860–1911) war zuerst ein berühmter Dirigent: Er leitete von 1897 bis 1907 die Wiener Hofoper und komponierte vor allem im Sommer. Seine neun vollendeten Sinfonien sind ganze Welten, in denen Volkslieder, militärische Signalrufe, säuerliche Walzer, Choräle und Stille nebeneinander leben. Seine Achte Sinfonie, 1910 in München mit Hunderten von Mitwirkenden uraufgeführt, erhielt den Beinamen „Sinfonie der Tausend“.
Richard Strauss (1864–1949) trieb die von Liszt erfundene sinfonische Dichtung weiter: ein Orchesterstück, das eine Geschichte erzählt oder eine Idee darstellt (Don Juan, Till Eulenspiegel, Also sprach Zarathustra, dessen Anfang 1968 durch den Film 2001: Odyssee im Weltraum berühmt wurde). In der Oper streifen Salome (1905) und Elektra (1909) die Grenzen der Tonalität, bevor Der Rosenkavalier (1911) in ein erträumtes Walzer-Wien zurückkehrt.
Worauf du hören solltest
- Ein riesiges Orchester: acht Hörner, Tuben, Harfen, viel Schlagwerk, manchmal eine Orgel und Chöre. Die Kontraste reichen vom Flüstern bis zum Brüllen.
- Stark chromatische Harmonik: Akkorde gleiten um einen Halbton, Modulationen folgen aufeinander, und die Grundtonart gerät manchmal aus dem Blick.
- Gewaltige Dauern: Eine Mahler-Sinfonie dauert oft mehr als eine Stunde.
- Lange, intensive Melodien, oft den Streichern oder Blechbläsern anvertraut, mit großen Aufschwüngen hin zu einem Höhepunkt.
- Rubato (siehe Glossar): Das Tempo atmet, verlangsamt sich, drängt nach vorn.
Hörliste
- Brahms: Sinfonie Nr. 4, Intermezzi op. 117 und 118 für Klavier, Ein deutsches Requiem.
- Tschaikowsky: Schwanensee, Klavierkonzert Nr. 1, Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“.
- Mahler: Sinfonie Nr. 1 (der dritte Satz verwandelt den Kinderkanon Bruder Jakob in einen Trauermarsch in Moll), das Adagietto aus der Sinfonie Nr. 5.
- Richard Strauss: Don Juan, Vier letzte Lieder.
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