Nocturne und Lied ohne Worte
· Stile und Vorbilder: studieren, dann nachahmen · Stufe 5 · 20 Min.
Im 19. Jahrhundert lernt das moderne Klavier mit seinem Eisenrahmen und seinem Haltepedal zu singen. Komponisten träumen davon, es in eine Opernstimme zu verwandeln. John Field erfindet das Nocturne, Chopin führt es zum Gipfel, Mendelssohn schreibt seine Lieder ohne Worte, Schumann die Stücke seines Albums für die Jugend (op. 68). „Romantisch“ zu schreiben heißt zu lernen, einen Ton zu tragen, eine Harmonie zu färben, die Zeit atmen zu lassen.
Die Fingerabdrücke des Stils
- Eine kantable Melodie, vom Belcanto inspiriert: lange Töne, weite ausdrucksvolle Intervalle (Sexten, Septimen), dann Verzierungsgirlanden (Fiorituren), wenn die Melodie zurückkehrt.
- Eine weit ausgreifende linke Hand: ein Basston auf der Eins, dann der Akkord über eine Dezime oder mehr verteilt, in regelmäßigen Arpeggien.
- Das Pedal, bei jeder Harmonie gewechselt: Es lässt das Arpeggio zu einem Klanghof verschmelzen.
- Farbige Harmonik: Septimen, verminderte Septakkorde, Zwischendominanten und vor allem chromatische Vorhalte (ein akkordfremder Ton auf der Zählzeit, der sich um einen Halbton auflöst).
- Rubato: Die rechte Hand lässt sich Zeit, die linke bleibt gleichmäßig.
- ABA-Form: ein verträumtes A, ein bewegteres B (oft in einer verwandten Tonart), ein verziertes A'.
Das Vorbild: der Beginn eines Nocturnes
Hier ist ein eigener Nocturne-Beginn in Es-Dur, der Tonart von Chopins berühmtem Nocturne op. 9 Nr. 2, und wie dieses im 12/8-Takt:
M:12/8
L:1/8
Q:3/8=48
K:Eb
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "Eb"G6 B2 A G2 F | "Ab"=B2 c4 e3 c3 | "Bb7"d6 f2 e d2 c | "Eb"B9 z3 |]
[V:LH] E,,B,,G, B,G,B,, E,,B,,G, B,G,B,, | A,,E,C E,CE, A,,E,C E,CE, | B,,F,A, DA,F, B,,F,A, DA,F, | E,,B,,G, B,G,B,, E,,6 |]
Analysieren wir:
- Takt 1: Die Melodie lässt sich auf einem langen Ton nieder (G, die Terz des Akkords: der „zärtlichste“ Klang) und steigt dann über Durchgangstöne ab.
- Takt 2: Auf der Zählzeit ein H, das weder zur Tonleiter noch zum As-Dur-Akkord gehört: ein chromatischer Vorhalt, der sich um einen Halbton aufwärts nach C auflöst. Diese winzige Reibung ist eine der romantischsten Klangfarben überhaupt.
- Takt 3: Über B♭7 ein D (der Leitton) auf dem Gipfel der Phrase, dann ein Abstieg zu …
- Takt 4: B über dem Es-Dur-Akkord, ein Ganzschluss.
- In der linken Hand beginnt jede Gruppe von sechs Achteln mit einem tiefen Basston und steigt mehr als anderthalb Oktaven hinauf: ohne Pedal unmöglich zu halten, und genau darum geht es.
Eine wiederkehrende Melodie verzieren
Bei Chopin ist ein wiederkehrendes Thema nie identisch: Es schmückt sich mit Fiorituren. Vergleiche die schlichte Fassung (Takte 1–2) mit der verzierten (Takte 3–4):
M:4/4 L:1/8 Q:1/4=60 K:C "C"e4 d2 c2 | "G7"d6 z2 | "C"e/^d/e/f/ e2 =d c B c | "G7"d/e/f/g/ a/g/f/d/ d4 |]
Die Haupttöne sind noch da (E … D … C … D), aber jetzt umgeben von chromatischen Nebennoten (Dis), Durchgangstönen und einer kleinen Kaskade. Goldene Regel: Die Verzierung schmückt das Gerüst, sie ersetzt es nicht. Du solltest die schlichte Fassung „unter“ der verzierten mitsingen können.
Die linke Hand weit legen
Derselbe C-Dur-Akkord, auf zwei Arten geschrieben:
M:4/4
L:1/8
Q:1/4=60
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] e8 | e8 |]
[V:LH] [C,,E,,G,,]8 | C,,G,,E,G, CG,E,G,, |]
Takt 1: ein enger Akkord tief im Bass. Das Ergebnis ist matschig; die Obertöne verschwimmen. Takt 2: der Bass allein ganz unten, dann die Quinte, mit der Terz weiter oben, in der mittleren Lage. Das entspricht der natürlichen Obertonreihe: ein luftiger Bass, eine dichtere Mitte. Merk dir: weite Intervalle unten, enge Intervalle oben.
Die Vorbilder Mendelssohn und Schumann
Mendelssohns Lieder ohne Worte fügen oft eine dritte Schicht hinzu: Melodie oben, Arpeggien in der Mitte (zwischen den Händen aufgeteilt), Bass unten, wie ein Sänger, der von einer Harfe begleitet wird. Schumann zeigt im Album für die Jugend op. 68 („Melodie“, „Erster Verlust“ …), dass man mit einfachen Mitteln in 16 Takten zutiefst romantisch sein kann: eine seufzende Melodie, Harmonien, die in Halbtönen gleiten. Hör sie dir an und notiere, was du hörst: Das ist deine Bibliothek.
- Zu viele Töne in der rechten Hand gleich von Anfang an: Heb dir die Fiorituren für die Wiederkehr des Themas auf.
- Eine linke Hand mit Blockakkorden: Du verlierst die Wellenbewegung, die die Melodie trägt.
- Arpeggien, die die Melodie kreuzen: Die linke Hand muss unter der Melodie bleiben, sonst verdeckt sie sie.
- Harmoniewechsel mitten in einem Pedal: Jeder neue Akkord verlangt einen Pedalwechsel (setz Harmoniewechsel also an klare Stellen, meist auf betonte Zählzeiten).
Das Pastiche-Rezept
- Wähl eine „warme“ Tonart (Es, As, Des oder ihre Moll-Paralleltonarten) und eine weite Taktart (12/8, 6/8 oder 4/4 mit Arpeggien in Achteln).
- Schreib einen Plan über 16 Takte für Teil A: I – IV – V7 – I | I – VI – II – V7 | dann dasselbe mit anderem Schluss.
- Komponiere eine Melodie aus langen Tönen, mit einem weiten ausdrucksvollen Intervall (einer Sexte) um Takt 2 oder 3, und bau mindestens einen chromatischen Vorhalt ein.
- Schreib die linke Hand: Bass auf der Eins, danach der verteilte Akkord. Behalte dasselbe Arpeggiomuster für den ganzen Teil bei.
- Füge für die Wiederkehr des Themas (A') Fiorituren um die Haupttöne hinzu.
Deine Werkstatt
- Kopiere den Nocturne-Beginn oben in den ABC-Editor und spiel ihn am Klavier, wobei du in jedem Takt das Pedal wechselst.
- Schreib die nächsten 8 Takte (Takte 5–12) dieses Nocturnes oder einen ganz eigenen Beginn nach dem Rezept.
- Prüfe in der Piano-Roll, dass die linke Hand immer unter der Melodie bleibt und kein Arpeggioton sie verdeckt.
- Nimm deine ersten 4 Takte und schreib eine verzierte Fassung (A') mit Neben- und Durchgangstönen.
- Bonus: Schreib einen bewegteren B-Teil von 8 Takten in der Moll-Paralleltonart (c-Moll) und kehr dann zum verzierten Thema zurück.
- Selbstkontrolle: Spiel es und lass dir Zeit (Rubato). Wenn die Melodie über einem Pedalklang singt, ohne je unterzugehen, hast du ein echtes Nocturne geschrieben.
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