Nocturne, Stride und Ostinato
· Begleitung und Klaviersatz · Stufe 4 · 18 Min.
Drei anspruchsvollere Satzweisen, drei Welten. Das romantische Nocturne mit seiner linken Hand in weiten, pedalgetränkten Arpeggien. Der Jazz-Stride der 1920er, bei dem die linke Hand zwischen Bass und Akkord springt. Und das Ostinato, eine hartnäckig wiederholte Figur, die der Barockmusik, der Filmmusik und der Minimal Music gleichermaßen dient. Jede verlangt eine freiere linke Hand – und jede macht aus einer einfachen Melodie ein echtes Klavierstück.
1. Das Nocturne: weite Arpeggien
Bei Field und Chopin breitet die linke Hand den Akkord über mehr als eine Oktave aus: Bass, dann Quinte, dann Dezime (eine Terz eine Oktave höher) und wieder hinunter. Mit Pedal verschmelzen diese Töne zu einem Klangschleier, über dem die Melodie der rechten Hand singt wie eine Stimme. Das Geheimnis: das Intervall der Dezime (z. B. C3–E4), reicher und offener als eine enge Terz.
M:4/4
L:1/8
Q:1/4=60
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "C"g6 fe | "Am"e4 dc A2 | "F"c6 A2 | "G7"B2 d2 "C"c4 |]
[V:LH] C,G,CE GECG, | A,,E,A,C ECA,E, | F,,C,F,A, CA,F,C, | G,,D,F,B, C,G,EG, |]
Jeder Takt der linken Hand steigt und fällt auf einem einzigen Akkord: Das Pedal kann jeden Takt gewechselt werden (und in der Mitte von Takt 4, wo der Akkord wechselt). Die Melodie ist langsam und mit kleinen Durchgangstönen verziert (F–E, D–C): Das ist Belcanto, aufs Klavier übertragen.
2. Stride: die akrobatische linke Hand
Stride (James P. Johnson, Fats Waller) wechselt zwischen einem tiefen Bass auf Schlag 1 und 3 und einem Akkord in der Mittellage auf Schlag 2 und 4. Ein Walzer in vier Schlägen, nur mit mehr Biss: Der Sprung der linken Hand bringt die Musik zum Swingen.
M:4/4
L:1/8
Q:1/4=132
K:C
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] "C"z2 eg a2 g2 | "F"a2 f2 c2 f2 | "G7"g2 f2 d2 B2 | "C"c4 z4 |]
[V:LH] C,,2 [E,G,C]2 G,,2 [E,G,C]2 | F,,2 [F,A,C]2 C,2 [F,A,C]2 | G,,2 [F,B,D]2 D,2 [F,B,D]2 | C,2 [E,G,C]2 C,,4 |]
Achte darauf, wie die Basstöne wechseln: Grundton, dann Quinte (C, dann G; F, dann C). Das vermeidet Eintönigkeit und ergibt eine echte Basslinie. Das A über dem C-Akkord (Takt 1) ist eine hinzugefügte Sexte, eine typische Farbe des frühen Jazz.
3. Das Ostinato: die Kraft der Wiederholung
Ein Ostinato ist eine kurze Figur, die unverändert wiederholt wird, während sich darüber alles bewegt. Es erzeugt Trance, Besessenheit, Hypnose. Es ist die Lieblingswaffe der Filmmusik und der Minimal Music – und eine wunderbare Art zu komponieren: Hast du das Ostinato gefunden, ist die rechte Hand frei zum Erfinden.
M:4/4
L:1/8
Q:1/4=100
K:Am
%%staves {RH LH}
V:RH clef=treble
V:LH clef=bass
[V:RH] e6 d2 | c4 B4 | c4 d2 e2 | e8 |]
[V:LH] A,,E,A,B, CB,A,E, | A,,E,A,B, CB,A,E, | A,,E,A,B, CB,A,E, | A,,E,A,B, CB,A,E, |]
Das Ostinato kreist um A (A–E–A–H–C–H–A–E) und ändert sich nie. Trotzdem geht die Musik voran: Die Melodie zeichnet den Weg, und jeder Ton der rechten Hand färbt das Ostinato anders (das H in Takt 2 erzeugt Spannung, die Rückkehr zum E löst sie).
Deine Werkstatt
- Komponiere in der Piano-Roll 8 Takte Nocturne in C-Dur über das Schema C | a-Moll | F | G7 (zweimal). Linke Hand in Arpeggien über eine Dezime, langsame Melodie über C5.
- Schreib 4 Takte Stride über C | F | G7 | C und wechsle im Bass zwischen Grundton und Quinte.
- Erfinde ein eintaktiges Ostinato in a-Moll. Wiederhole es 8-mal und schreib darüber eine Melodie, die ganz einfach beginnt (ganze Noten) und in den letzten 4 Takten lebhafter wird (Achtelnoten).
- Probier dein Ostinato aus, indem du zuerst über eine modale Begleitung in A improvisierst.
- Selbstkontrolle: Spiel bei jedem Satz die linke Hand allein – geht das ohne Krampf (keine zu haltende Spannweite über eine Oktave)?
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